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Christian Rahn: „Ich hatte nie das Gefühl, dass vor mir jemand steht, der nur ein Prozent Sehkraft hat“


Im Training bei Christian Rahn vom FC Hansa Rostock (hinten) kehrte Goalballer Reno Tiede gewissermaßen auch zurück zu seinen Wurzeln, denn bevor die fortschreitende Sehbeeinträchtigung es nicht mehr zuließ, spielte er in seiner Kindheit bei der SG Recknitz Ost Thelkow Fußball. Foto: Martin Börner
Im Training bei Christian Rahn vom FC Hansa Rostock (hinten) kehrte Goalballer Reno Tiede gewissermaßen auch zurück zu seinen Wurzeln, denn bevor die fortschreitende Sehbeeinträchtigung es nicht mehr zuließ, spielte er in seiner Kindheit bei der SG Recknitz Ost Thelkow Fußball. Foto: Martin Börner

Der Ex-Profi und jetzige Fußball-Nachwuchstrainer vom FC Hansa Rostock zeigte sich von Goalballer Reno Tiede schwer beeindruckt!


Von Peter Richter


Der Verband für Behinderten- und Rehasport Mecklenburg-Vorpommern (VBRS) befindet sich mitten in seiner landesweiten Medienkampagne „Werde auch du Trainer im Para Sport“. Ziel des von der Aktion Mensch geförderten Projektes ist es, mehr Trainer*innen für den inklusiven Sport zu gewinnen. Eines der insgesamt sechs sportlichen Duos – je ein Trainer aus dem olympischen Bereich ohne Vorerfahrung im Behindertensport und ein Para Sportler – bildeten Christian Rahn, Ex-Fußball-Profi und aktuell Coach der U19-Bundesliga-Junioren des FC Hansa Rostock, und als sein Schützling der VBRS-Geschäftsführer Reno Tiede. Letzterer hat u. a. zweimal an Paralympics teilgenommen und ist nach wie vor beim RGC Hansa als Goalballer erfolgreich aktiv.

Wir wollten einmal die Sicht des Trainers kennenlernen und befragten Christian Rahn.


Herr Rahn, wie ist es gelaufen? Sie arbeiten üblicherweise mit sehenden Fußball-Talenten. Eine Einheit mit einem praktisch blinden Goalballer aber ist ja etwas völlig anderes und zunächst einmal auch schwer vorstellbar…

Es ist sehr gut gelaufen. Reno war der beste Sportler, den man für so etwas bekommen konnte, zumal er ja auch glühender Hansa-Fan ist. Das passte perfekt. Wir hatten eine lockere Einheit zusammen, die sehr viel Spaß gemacht hat.


„Das war für uns beide anderthalb bis zwei Stunden lang eine coole Geschichte“


Haben Sie sich speziell auf diese besondere Trainingseinheit vorbereitet oder das mehr auf sich zukommen lassen?

Ich hatte mir natürlich Gedanken gemacht, allerdings sprang Reno als Ersatz ein (ursprünglich sollte Lindy Ave, Paralympics-Siegerin 2021 im 400-Meter-Lauf, die Einheit absolvieren – P. R.). Deshalb war es eine sehr, sehr kurzfristige Angelegenheit. Mir war aber bewusst, welche Bedeutung Goalball auch für ganz MV hat, und ich kannte die Sportart, weil ich sie mir mal mit Jörg Hahnel (Ex-Bundesliga-Torwart des FC Hansa – P. R.) vor Ort angeschaut hatte. Reno kannte ich bis dahin persönlich nicht, wusste aber, dass er an zwei Paralympischen Spielen teilgenommen hat. Und es wurde es für uns beide eine coole Geschichte – anderthalb bis zwei Stunden lang vor einem Kamerateam und Fotografen!



Satter Schuss von Reno Tiede. Foto: Martin Börner
Satter Schuss von Reno Tiede. Foto: Martin Börner

„Reno hat sich mit dem Ball am Fuß sehr achtbar geschlagen“


Wie kann man sich das Ganze inhaltlich vorstellen?

Reno hatte die Aufgabe, den Ball gegen die Passwand zu spielen oder auf Kommando zu mir zu passen, nachdem er sich gedreht hatte. Obwohl er nur Schattierungen und Umrisse erkennen kann, wusste er immer, ob er die Aufgabe sauber durchgeführt hat. Das war schon bemerkenswert. Reno hat sich mit dem Ball am Fuß sehr achtbar geschlagen. Ich hatte nie das Gefühl, dass vor mir jemand steht, der nur ein Prozent Sehkraft hat.


„Menschen mit Handicap wollen einfach ganz normal behandelt werden“


Haben Sie für sich etwas aus dieser ungewöhnlichen „Symbiose“ mitnehmen können?

Das Thema war für mich nicht neu. In meinem Freundeskreis gibt es jemanden mit Down-Syndrom, ich kenne auch zwei Rollstuhlfahrer, die große HSV-Fans sind. Ich hatte also schon vorher Kontakt zu Menschen mit Handicap und weiß, dass man im Umgang keine Scheu haben darf. Sie wollen einfach ganz normal behandelt werden – und das hat sich auch mit Reno bestätigt.





Reno Tiede: „Das alles war super und hat mega Spaß gemacht“


Das sagt Reno Tiede: „Man hat rasch gemerkt, dass man es mit einem Profi-Trainer mit klaren Vorstellungen zu tun hat, der wusste, was er erreichen will, aber sehr schnell in der Lage war, auf meine Einschränkung einzugehen und Übungen, die er sicherlich anders geplant hatte, kurzerhand umzustellen. Das fand ich cool. Bei einer Aufwärmaufgabe zum Beispiel, für die er verschiedenfarbige Kegel aufgebaut hatte, ließ er diese einfach weg, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich die Farben nicht erkennen kann, und ich bin dann immer um die Hütchen herumgelaufen. Eine zweite Übung, die mir im Kopf geblieben ist, ging in Richtung Life-Kinetik, also Kombination aus koordinativen und kognitiven Aufgaben. Das war die Passwand, auf der Zahlen und Buchstaben dranstanden. Da bin ich sehr sicher, dass die eigentliche Idee ist, dass man mal Zahlen und mal Buchstaben anvisiert. Dadurch, dass ich diese nicht sehen konnte, hat Christian dann statt des Visuellen die Übung umgebaut und mit akustischen Signalen gearbeitet. Er hat angesagt: Eins!, Zwei!, darauf musste ich spontan entweder an die Wand zurückpassen oder mich aufdrehen und den Ball zu ihm spielen. Das alles war super und hat mega Spaß gemacht!“



Christian Rahn. Foto: Martin Börner
Christian Rahn. Foto: Martin Börner

Der Trainer: Ex-Fußball-Profi Christian Rahn stieg mit dem FC Hansa Rostock 2007 in die 1. Bundesliga auf. Er spielte außerdem u. a. für den FC St. Pauli, Hamburger SV und 1. FC Köln sowie fünfmal für die deutsche Nationalmannschaft. Nach seiner aktiven Laufbahn wurde Rahn Trainer. Seit 2022 coacht der 45-Jährige die U19-Bundesliga-Junioren des FC Hansa.



Reno Tiede. Foto: Martin Börner
Reno Tiede. Foto: Martin Börner

Der Sportler: Reno Tiede ist seit 2019 beim Verband für Behinderten- und Rehasport Mecklenburg-Vorpommern tätig und seit 2023 dessen Geschäftsführer. Rostocks „Mr. Goalball“ nahm an zwei Paralympics teil, war u. a. U19-Weltmeister (2007) und Männer-Europameister (2019). Reno Tiede wurde mit dem Gendefekt Morbus Stargardt geboren. Ab dem Alter von etwa acht Jahren verschlechterte sich dadurch seine Sehkraft, die aktuell etwa ein Prozent beträgt. Damit ist der 35-Jährige gesetzlich blind.


Die Kampagne: Mit dem landesweiten, von der Aktion Mensch geförderten Projekt „Werde auch du Trainer im Para Sport“ will der VBRS mehr Trainer*innen für den inklusiven Sport gewinnen. Rahn und Tiede sind die „Hauptdarsteller“ in einer von insgesamt sechs medial professionell begleiteten Folgen, von denen bisher drei „gedreht“ worden sind.


Christian Rahn und Reno Tiede waren sich einig: „Das war für uns beide anderthalb bis zwei Stunden lang eine coole Geschichte.“ Foto: Martin Börner
Christian Rahn und Reno Tiede waren sich einig: „Das war für uns beide anderthalb bis zwei Stunden lang eine coole Geschichte.“ Foto: Martin Börner

 
 
 

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